Faszination der Technik
Industrie – ist so vielfältig, dass sie sich kaum greifen lässt. Deshalb einfach in einem Industriebetrieb vorbeischauen und die Faszination erleben, die die Produktion von Stahl, Maschinen, Autos, Flugzeugen, Papier, elektronischen Geräten und vielem mehr ausmacht.
Wer wissen will, wie Industrie sich anfühlt, sollte – erstens – unbedingt ein Stahlwerk besichtigen. Denn die Herstellung von Stahl aus Eisen und Metall ist Industrie pur. Bei der Besichtigungstour auf keinen Fall den Roheisenabstich verpassen. Es ist tief beeindruckend, wenn das glühende rote Eisen aus dem Schmelzofen fließt! Neugierige könnten – zweitens – aber auch die jährlich im Frühling in Hannover stattfindende Industriemesse besuchen. Hier am besten alle Hallen anschauen. Denn außer Stahl produziert die Industrie ja noch eine ganze Menge mehr: etwa Autos, Computer oder Kleidung. Auf der Hannovermesse sieht man auf einem riesigen Gelände dann die Technik, die Maschinen und Anlagen, die man für so etwas braucht. Dabei auf jeden Fall die Industrieroboter anschauen. Es hat was von Science Fiction, wenn sie mit ihren mitunter riesigen Schwingarmen unermüdlich Autos zusammenbauen oder Gegenstände von einem Fließband zum nächsten schaffen.
Dritte Möglichkeit: Hakan Kaya kennenlernen, sich von seiner Begeisterung anstecken lassen. Hakan Kaya ist Industriemechaniker, mittlerweile Industrie-Meister. Er arbeitet in der Automobilindustrie, bei BMW in München – und ist von seiner Arbeit auch 15 Jahre nach der Ausbildung immer noch absolut angetan. Was er an seinem Beruf so klasse findet? „Industrie – das ist für mich vor allem die Faszination der Technik: Du arbeitest mit Maschinen und Anlagen, die oft riesengroß und komplex sind, siehst, was sie alles können, sorgst mit deiner Arbeit dafür, dass sie funktionieren und immer besser werden.“ Kaya hat das jetzt gerade wieder erlebt. Ein Jahr lang arbeitete er in der Fahrzeugentwicklung bei BMW, machte sich im Team mit Ingenieuren und Designern Gedanken über ein neues Automodell. Jetzt errichtet er mit Kollegen die Maschinen, die das neue Modell dann bald in Serie produzieren. „Auch das macht die Industrie so spannend. Denn am Ende hast du mit den Maschinen etwas hergestellt, mitunter etwas sehr Kompliziertes und oft noch dazu in riesigen Mengen, das du anfassen, benutzen – oder auch fahren kannst“, schmunzelt er.
Der Faszination der Industrie auf die Spur zu kommen ist auf jeden Fall mal ein guter Anfang. Dann wird es richtig Ernst. Denn wer sich tatsächlich vorstellen kann, in der Industrie zu arbeiten, hat die Qual der Wahl. Er muss sich nicht nur für eine der vielen Industrie-branchen – neben der genannten Automobil-, Textil- und Computerindustrie beispielsweise noch Luft- und Raumfahrt, Metall, Elektro, Chemie, Pharmazie, Umwelt, Baustoffe, Maschinenbau, Druck und Medien oder auch Konsumgüter – entscheiden. Er hat auch noch rund 80 verschiedene Berufe zur Auswahl.
Bei den kaufmännischen Berufen geht es vor allem um die Industriekaufleute. „Diese bekommen sehr breite und sehr tiefe Einblicke in die kaufmännische Seite der Unternehmenswelt, durchlaufen während der Ausbildung fast alle Stationen eines Industrieunternehmens, können dann später auch sehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen“, erklärt Florian Kaiser, Referent Regionale Bildungsberatung der Industrie- und Handelskammer in München. „Außerdem werden in der Industrie natürlich die Bürokaufleute und Kaufleute für Bürokommunikation gebraucht.“ Kaisers Kollege, Ausbildungsberater Werner Hohl, fährt mit den gewerblich-technischen Berufen fort: „Hier sind die wichtigsten Ausbildungsrichtungen die Mechaniker, die Elektroniker, die Mechatroniker, die Konstruktionsberufe und die IT-Berufe.
Jeder sorgt auf seine Art in der Entwicklung, der Herstellung und Instandhaltung mit dafür, dass die Technik, die maschinelle Produktion reibungslos funktionieren. Die Ausbildung in allen diesen Berufen ist richtig gut: modern, spannend und vielfältig.“ Nicht zu vergessen: Auch übers Studium lässt sich in die Industrie einsteigen. Die Vielfalt und die Spezialisierungsmöglichkeiten sind hier ebenfalls groß. Eine Naturwissenschaft oder Ingenieurswissenschaften, aber auch Betriebswirtschaft bieten sich an. Hohl ergänzt: „Und auch duale Studiengänge, also solche, die Studium und Ausbildung verknüpfen, sind ein guter Einstieg.“ Wer die Ausbildung favorisiert, sollte zu den Voraussetzungen wissen: Die Unternehmen erwarten für die gewerblich-technischen und Büroberufe einen guten Haupt- oder Realschulabschluss, von zukünftigen Industriekaufleuten einen guten Realschulabschluss oder das Abitur. „Für die gewerblich-technischen Berufe sollten vor allem gute Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften auf dem Zeugnis stehen“, empfiehlt Klaus Heimann, Bildungsexperte der Industriegewerkschaft (IG) Metall in Frankfurt am Main. „Die Noten allein machen es zwar nicht. Aber eine logische, eine naturwissenschaftlich-technische Denke kann auf jeden Fall nicht schaden. Denn als Fachkraft in der Industrie muss man technische Anleitungen lesen, die Funktionsweise von Maschine verstehen. „Heimann zählt noch ein paar weitere Eigenschaften auf: „Die Azubis müssen sich zudem darauf einlassen, sehr präzise und sorgfältig, richtig penibel zu arbeiten, nicht nur milli-, sondern mikrometergenau.“ Und auch gern und gut mit anderen zusammenzuarbeiten ist wichtig. „Denn in der Industrie stellt nie einer allein das Auto oder den Fernseher her. Viele Köpfe, Hände und Maschinen, die alle fein aufeinander abgestimmt sind, führen am Ende zum Produkt.“ Auch nach der Ausbildung sind die Chancen gut: „Industrieberufe werden gerade auch in Zukunft mehr denn je gebraucht. Zudem ist man nicht auf die Branche beschränkt, in der man gelernt hat, man kann leicht zwischen den Branchen wechseln“, erklärt Jorg-Günther Grunwald, Experte vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Gute Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es außerdem: den Techniker, den Meister, ein Studium. An dieser Stelle sei zudem erwähnt, dass es sich nicht nur lohnt, bei den ganz großen Unternehmen anzuheuern. Auch kleinere und mittelgroße Unternehmen passen gut: „Die bilden die Azubis oft sehr persönlich aus, betreuen sie gut, lassen sie schnell selbständig mitarbeiten.“
Vor der Bewerbung lohnt es sich auf jeden Fall, in die Berufe hineinzuschnuppern. In Sachsen-Anhalt bietet das Qualifizierungsförderwerk Chemie (qfc), eine Tochter der IG Bergbau Chemie Energie dazu beispielsweise das spannende Projekt „Fit für die Industrie – Unternehmen und Schule orientieren auf Zukunft“ an. Für eine Woche haben 60 Jungen und Mädchen in den Sommerferien die Möglichkeit, in großen Unternehmen des Landes, etwa am Standort Leuna, unterstützt mit Fördermitteln des Landes und der EU, ein Vertiefungspraktikum zu absolvieren. „Dort lernen die Jugendlichen aber nicht nur das Unternehmen, die Kollegen und die industrielle Arbeitsweise kennen, sondern erfahren auch in eigenen kleinen Projekten, wie ein Produkt, etwa eine Creme, entsteht“, meint Projektreferentin Marlis Erdelyi. Sie findet: „Industrie muss man erleben, gerade die Großindustrie. Man muss mal auf so einem riesigen Gelände – oft größer als ein Stadtviertel – gewesen sein, die Maschinen und Anlagen sehen, wie alles zusammenhängt. Auch deshalb sind Praktika so wichtig.“
Die bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm haben 2011 ebenfalls ein spannendes Modellprojekt gestartet. Jugendliche, deren Noten gerade nicht auf dem Höhenflug sind und die mit Schule momentan nicht viel anzufangen wissen, können sich über das Programm „power(me)“ jeweils für das kommende Ausbildungsjahr auf eine Lehrstelle in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie bewerben. Das Besondere: Speziell für die Projektteilnehmer findet ein fünftägiges Sommercamp statt. Dort gibt es spannende Aktionen wie Klettergarten und Bogenschießen, aber auch ein Praxisprojekt, das zeigt, wie Industrieberufe funktionieren: „Wir bauen einen Schwinggrill“ heißt es und wird im Beruflichen Fortbildungszentrum (bfz) Regen umgesetzt. „Im Sommercamp kurz vor dem Start der Ausbildung erleben die Schüler, wie spannend und zukunftsreich die industrielle Berufswelt ist und was es bedeutet, im Team erfolgreich an einem Projekt zu arbeiten.“ betont bayme vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. „Power(me)“ macht übrigens noch mehr als das Sommercamp. Brossardt: „Wir begleiten die Jugendlichen von der Berufsorientierung bis zum Berufsstart, helfen bei der Ausbildungsplatzsuche und später durch die Ausbildung selbst.“ Schlusswort für Hakan Kaya: „Ich finde, vor allem auch die Mädchen sollten sich Industrieberufe genauer anschauen. Meine Schwester Dilek arbeitet zum Beispiel ebenfalls als Industriemechanikerin, schweißt, lötet, hält Maschinen instand – und findet das richtig gut.“ Kaya hat sie ja auch mit seiner Begeisterung angesteckt …




